„Der Begriff Kultur wurzelt in der Landwirtschaft“

„Der Begriff Kultur wurzelt in der Landwirtschaft“

Auf so einem Bauernhof gibt’s wahrlich viel zu tun, gerade in der Saison. Wie kam es zu der Idee, Gastgeber des Kultursommers zu werden, mit einer großen Bühne und allem Drum und Dran?

Andrea Adrion:

Wir haben schon des Öfteren was in dieser Richtung gemacht. Gregor Öhmann war ein paar Mal mit seinem Puppentheater hier, und das hat uns sehr gefallen.  Freitags öffnen wir immer unseren Hofladen mit Hofcafé, da ist hier sehr viel los. Matthias Wagner von der Backnanger Bürgerbühne ist Stammgast. Er fühlt sich wohl bei uns und hat uns angesprochen. Und dann die praktische Seite … Corona erlaubt zum Glück inzwischen Veranstaltungen im Freien, also haben wir gedacht, hier ist es so schön! Warum nicht? Und die Bandhaus-Veranstaltungen bei uns waren immer super organisiert, mit Tischen und Platzkarten und allem, was man sich denken kann.

Georg Adrion:

Schön war die Hölderlin-Lesung mit Christian Muggenthaler im Sommer 2020. Die Natur ist ein ganz besonderer Raum, da kommt Poesie sehr intensiv zur Geltung. Wir sind über Bekannte mit dem Hölderlin-Experten Dietrich E. Sattler in Kontakt gekommen. Das hat mich inspiriert, Hölderlin zu lesen. Ich weiß noch, dass rote Milane über uns kreisten, als seine Gedichte rezitiert und erklärt wurden, das war unglaublich. Zurzeit fasziniert mich die Hölderlin-Biografie von Peter Härtling. Das alles brachte mich auf die Idee, eine Lyrikwanderung mitzutragen.

Andrea Adrion:

Unser Hof hier – das ist ja nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern Lebensraum! Und wir sind natürlich kulturinteressiert und unterstützen den Kultursommer gern. Das MUSS machbar sein, dachten wir also.

Haben Sie denn im Sommer eigentlich Zeit für Kultur?

Georg Adrion:

Man muss das alles im Zusammenhang sehen. Alle Kultur wurzelt in der Landwirtschaft, schon vom Begriff her: Agrikultur. Zuerst wurden Züchtungen von Nutzpflanzen als Kulturen bezeichnet, der geistige Überbau kam erst viel später hinzu. Die Industrie ist etwas Konstruiertes, aber Natur und Ernährung und Landwirtschaft kann man nicht konstruieren, das bleibt im Grunde immer gleich: Der Boden, die Sonne, das Wasser – die Elemente eben. Diese Ästhetik, die sich zusammensetzt aus praktischem Nutzen und Schönheit wird bleiben.

Andrea Adrion:

Wir haben hier ja wirklich eine privilegierte Wohn- und Arbeits- und Lebenssituation. Man kann in Umkreis von drei Kilometern spazieren und trifft auf Obstwiesen mit zahlreichen Kulturen, Alpakas und einen weiten Himmel. Es ist eigentlich gut, das alles zu verbinden.

Was sagen Sie zum Bio-Boom?

Georg Adrion:

Das ist zweischneidig. Irgendwann wird jede fortschrittliche Entwicklung, die aus einer Nische kommt, gekapert vom Mainstream. Also, wenn eine Bewegung gesellschaftlich etabliert ist, muss offensichtlich etwas Neues her. Deshalb entwickeln wir uns weiter. Andererseits ist‘s natürlich gut, wenn der Gedanke der Naturverbundenheit und Ökologie viele erreicht.

Worauf freuen Sie sich beim Kultursommer besonders?

Andrea Adrion:

Ich bin neugierig auf „Die letzte Sau“. Das Stück kenne ich noch nicht. Die Thematik interessiert mich, zumal ich mich erinnern kann, wie Tiere früher bei uns behandelt wurden.

Georg Adrion:

Es war nett, als wir mit Jasmin Meindl, Juliane Putzmann, Uwe-Peter Spinner und Christian Muggenthaler den Wanderweg ausgetüftelt haben. Ich freue mich besonders auf die Lyrikwanderung. Ein vertrauter Raum wird mit Poesie und Musik gefüllt.