„Die Romantik ist schon recht radikal“

„Die Romantik ist schon recht radikal“

In der Hoffnung, der frische Sommerwind möge die Wolken vertreiben, lauschte man der Vortragskunst Christian Muggenthalers, der als langjähriger Freund des Bandhaus Theaters, freier Journalist, Germanist und weltbester Gedichteerklärer, wie Jasmin Meindl ihn nannte, ein Gesprächsangebot über Frauen in der Romantik präsentierte und mit seinen Zuhörern zu einem angeregten Austausch finden sollte. Die Bandhaus-Theater- und Kultursommer-Chefinnen Juliane Putzmann und Jasmin Meindl äußerten sich dankbar und erfreut über das Angebot der Familie Kutter, das romantische Areal der Barockscheune als Schauplatz der Lesung nutzen zu dürfen: „Wo könnte man ‚Frauen in der Romantik besser präsentieren als hier“, fragten sie und sprachen vom Kampf der Frauen aller Zeiten, sichtbar zu bleiben.

„Das ist ja das Schöne“, eröffnete Christian Muggenthaler seine Lesung, „dass es kein Richtig oder Falsch gibt“ in diesem Format „Über Texte sprechen“, Wirkungen sollten ausgelotet und vielleicht Techniken erkundet, Meinungen ausgetauscht und Stimmungen erfühlt werden, ganz ohne Vorgaben oder einschränkende Richtlinien. Und er setzte einen heiteren Grundton schon, als er die erste Dichterin vorstellte: Emerenz Meier, „die nicht aus der Romantik kommt, sondern aus dem bayerischen Wald.“ Diese hatte in ihrem (vielleicht selbstironisch als „Stoßseufzer“ bezeichneten) Text sinniert: 

Hätte Goethe Suppen schmalzen,
Klöße salzen,
Schiller Pfannen waschen müssen,
Heine nähn, was er verrissen,
Stuben scheuern, Wanzen morden,
Ach die Herren,
Alle wären
Keine großen Dichter worden.“

Gegen die großen männlichen Dichter der Zeit wurde „der ganz normale Ablauf“ eines Frauenlebens gestellt, wie ihn etwa „die Karschin“ (Anna Louisa Karsch) in „Bellouisens Lebenslauf“ nachzeichnete, wo vom „Ehe-Joch“ die Rede ist. Magdalene Philippine Engelhard in ihrer „Mädchenklage“ thematisierte Eingesperrtsein, Sehnsucht, Fernweh eindrücklich über die dominante Platzierung des Signalwortes „Zimmer“. Dieses Grundgefühl der Romantik hat die Lesung anhand einer Reihe weiterer Texte herausgearbeitet und ein zweites Element der Epoche, das Ich, darin gefunden. Ob die sehnsuchtsvolle Klage wohl immer und ausschließlich eine weibliche (gewesen) sei, wurde engagiert diskutiert. Muggenthaler las unter anderem Joseph von Eichendorff, Dorothea Schlegel, Karoline von Günderrode, Bettine von Arnim, Sophie Mereau, Johann Wolfgang Goethe („völlig wertfrei!“), Annette von Droste-Hülshoff und zuletzt leider nicht Luise Hensel – denn ein Platzregen vertrieb die kleine Gesellschaft schnell von ihren Stühlen, und der Blick in die weniger progressive Phase der Spätromantik musste unterbleiben. Christian Muggenthaler: „Luise Hensel will nicht, dass ich ihre Gedichte lese.“