Turbulenzen um das Tierwohl

Auch ein Banküberfall ist Teil der Handlung des Stücks „Die letzte Sau“, mit dem die Backnanger Bürgerbühne auf dem Biolandhof Adrion in Backnang-Schöntal Premiere feiert. Foto: A. Becher

Turbulenzen um das Tierwohl

Mit dem Stück „Die letzte Sau“ feiert das Bandhaus-Theater mit seiner Bürgerbühne Premiere auf dem Biolandhof Adrion in Mittelschöntal. Zugleich ist es das erste Stück des Backnanger Theaters nach der langen Corona-Durststrecke.

Von Heidrun Gehrke

BACKNANG. Huber lässt die Sau(en) raus. Und wird zum Leuchtfeuer für einen Cut und Wandel in der Fleischindustrie. Verpackt in reichlich Komik, Tragik und Roadmovie greift der kleine Landwirt aus Speckingen zu unkonventionellen Mitteln, um sich gegen die Großmastbetriebe zu wehren. Er soll immer billiger verkaufen, während Giganten den großen Reibach machen und kleine Existenzen vernichten. Die „kleine Existenz“ begehrt auf, weil für ihn jetzt auch noch die große Liebe auf dem Spiel steht. Die Handlung vergnüglich, das Thema ernst: Hier die Balance zu halten, das schafft die von Regisseur Michael Bleiziffer stammende Bühnenfassung, die auf Tempo und Tiefgang setzt und am Samstag in Backnang für beste Unterhaltung sorgte.

Angesiedelt ist der Handlungsbogen rund um ein paar Heuballen, die wahlweise zu Sitzmöbeln einer dekadenten Partyclique werden oder das aufgeschaufelte Grab von Metzger Willi darstellen. Dreh- und Angelpunkt der von Manuel Kolip gestalteten Bühne ist eine Blechwand mit beweglichen Klappen als Durchgang für die Akteure. Die neun Darsteller nehmen vom ersten Auftritt an, als sie donnernd durch die Kulissenwand stürmen, die Bühne ein. Diese engen Durchlässe lassen an das dicht zusammengepferchte Schlachtvieh und die Fabrikschlachtung denken, die im Stück thematisiert werden und Huber auf die Barrikaden treiben: „So geht es nicht weiter“, sprüht er am Ende einer Odyssee quer durch die Republik an die Wände von Tiermastbetrieben. Existenzangst und Ohnmacht gegenüber dem „gefräßigen Kapitalismus“ lassen den ebenso wortkargen wie unbescholtenen und fleißigen, aber auch angepassten Bauern zum Tierschutzaktivisten werden, der wider Willen eine ganze Bewegung hinter sich schart.

Das alles ist aber nicht zufällig so gekommen: Eine spannende Entwicklung steckt in der Rolle von Huber, aus der Darsteller Benjamin Adlung feine Nuancen herausarbeitet. Sein Spiel bringt gestisch die ganze Wucht und Wut dieser Ohnmacht und Zerrissenheit mit: Er leidet darunter, dass er Birgit nicht das bieten kann, was er ihr als Ehemann gerne geben würde. Sein Charakter lebt von Gefühlen, reden tut er nicht viel. Adlung sagt auf Nachfrage, er habe während der Proben nur ein kurzes Textbuch lernen müssen. Es sei seine bislang kürzeste Sprechrolle. Sein Alter Ego, seine innere Wandlung, bringen zwei auktoriale Sprecher zum Ausdruck, die am linken und rechten vorderen Bühnenrand auch jede weitere Szene mit den Hintergründen und Subtexten einleiten oder sie einordnen und als Rückschau einblenden. Eine vielseitige, facettenreiche Bühnenfassung mit fortlaufendem Erzählstrang, der die Bedingungen in der Fleischgroßindustrie offenlegt, sachlich und berichtend, offenbar gründlich recherchiert – bis ins Detail einer Ferkeltötung, weil die Turbosäue zu viele Ferkel werfen und die Zitzen nicht ausreichen.

Kraft und Wachheit zeichnet das Spiel der Darsteller während der Premiere aus.

So müssten einige Tiere „eben aussortiert werden, damit die stärkeren Tiere mehr Milch abbekommen“, erhält Huber lapidar zur Antwort. Das Publikum begleitet den Getriebenen, dessen Existenz in Schutt und Asche liegt – dramaturgisch ansprechend umgesetzt durch einen selbst gelegten Brand des eigenen Hofs – bei einem Roadtrip quer durch Deutschland. Sein Ziel: „Nuff, zur Birgit“, wie er es einem Imker unterwegs schildert. Auch er ein Getriebener: Seine Bienen, die infolge von Spritzmitteleinsatz nicht mehr in den Stock zurückfinden, sind sein Anlass zur Rebellion.

Als Zuschauer genießt man die Kraft und Wachheit, mit der die Darsteller ihre Rollen auskleiden. Das Ganze ohne erhobenen Zeigefinger. Kein Aufruf zu Vegetarismus oder dazu, dass wir nur noch vegan essend die Welt retten können. Trotz aller Schärfe der Kritik ist eine Offenheit in dem Stück. Es macht ein Angebot zu reflektieren, welche Landwirtschaft wir möchten. Die Frage, welchen Tod wir einmal sterben wollen, wird hier zur Frage, welchen Tod und welches Leben wir den Nutztieren zumuten mögen. Mit dieser Frage hadert in Brandenburg auch Birgit, gespielt von Mia Birkenberger. Sie arbeitet im gigantischen, ständig wachsenden Schweinemastbetrieb ihres Vaters. Die anfängliche Überzeugung, wonach alles toll sei, bröckelt – auch sie durchlebt einen Wandel.

Famos das Wiedersehen zwischen Birgit und Huber: Er besprüht einen Schweinemastbetrieb nach dem anderen mit seiner Botschaft, er befreit Schweine aus Tiertransportern, vernichtet in Ställen reihenweise Medikamente. Er wird zum Gesetzlosen, dem sich ungewollt die „Tierbefreiungsfront Brandenburg“ anschließt. Der Anführer dieser köstlich überzeichneten Untergrundbewegung mit lispelndem Zungenschlag – ein Vergnügen beim Zuhören. Birgit taucht als Erinnerung Hubers auf. Sie steht mit ihrem feinen, fesselnden Gesang immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit. Viel Farbe steckt in ihrer Stimme, als sie „Halt an deiner Liebe fest“ in die anbrechende Dunkelheit intoniert. Ein Hohelied auf den Ankerpunkt „Zweisamkeit“ und die Partnerschaft in diesen rastlosen Zeiten, in denen es auf oder hinter der Bühne immer wieder knallt. Es gibt Brände und allerlei Explosionen, sogar ein Meteoriteneinschlag kündet von diesen Umbrüchen. Erwartbar, dass Huber und Birgit zusammenfinden, wenn auch nicht auf klassische Weise.

Sie erwischt ihn und die Mitstreiter in flagranti, als die Tierbefreier sich in ihrem Betrieb zu schaffen machen wollen. Weder war sie darauf gefasst, dass er einer der Umstürzler ist, noch war ihm klar, welchen Hof sie da gerade stürmen. Wieder vereint, fällt die Bilanz nüchtern aus: „Alles ist ein riesiger Scheißdreck“, stellt Birgit fest. In Speckingen liege nicht die Zukunft – da verdient er nichts. Der Großbetrieb ihres Vaters – auch keine Option, wenn das Wohl der Kreatur nichts mehr zählt. „Alles ist anders“, bekundet sie in der Schlussszene.

Ob damit die Zeiten gemeint sind oder ob sie ausdrückt, dass die Zustände zwar dieselben bleiben, aber die innere Einstellung nun eine andere sei: Es bleibt offen in diesem spannungsreichen, unterhaltsamen, herrlich schrägen Stück Volkstheater. Es gab minutenlangen Applaus nach einer guten Stunde temporeichem Theater für das Ensemble, für die gezeigte Geschlossenheit, mit der die Darsteller zueinanderfinden und etwas Gemeinsames, Wiedervereintes aussenden: Endlich auch wieder vor Publikum, das lacht, klatscht und jubelt.