Backnang im Wechselbad der Gefühle

Backnang im Wechselbad der Gefühle

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Schon eine knappe halbe Stunde vor Anpfiff waren die Sitzplätze auf dem Marktplatz weitestgehend besetzt. Auf den Steinstufen sitzen und stehen auch schon zahlreiche Zuschauer. Dort und auf dem Stiftshof konnten etwa 4 000 Straßenfestbesucher das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden auf einer LED-Leinwand verfolgen. Und dass es dabei für Deutschland um einiges ging, war von Anfang an spürbar. „Hoffentlich spielen sie heute besser“ und „dieses Mal dürfen sie sich nicht mehr so viele Fehler erlauben“, wird in einigen Unterhaltungen geäußert. Gespannt schauen die Zuschauer also auf die Leinwand – doch ausgerechnet zum Spielbeginn kommt die Sonne hinter den Wolken hervor und scheint ein gutes Drittel der Leinwand an. „Wo ist denn der Ball überhaupt? Ich seh’ ihn gar nicht“, beschwert sich ein junger Mann lautstark. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht, sodass die frühen Chancen von Julian Draxler und Jonas Hector mit gereckten Hälsen verfolgt und mit Raunen quittiert werden. Der vielversprechende Start erleichtert viele Zuschauer, auch wenn noch kein Ball reingehen wollte. Es wird viel gelacht, die Straßenfestbesucher strahlen Zuversicht aus.
Erste Brüche bekommt diese, als in der 12. Minute Schwedens Marcus Berg allein auf Torwart Manuel Neuer zuläuft. Neuer pariert und erhält einigen Applaus der Zuschauer auf dem Marktplatz, so manch einer muss nun aber erst einmal durchatmen. Dann, in der 32. Minute, als auf den Bierbänken am Marktplatz noch alle über Sebastian Rudys blutende Nase und die Einwechslung des umstrittenen Ilkay Gündogans diskutieren, geht es plötzlich ganz schnell: Toni Kroos spielt einen Fehlpass und die Schweden kontern unbarmherzig. Das 1:0 für die Skandinavier fällt und die Stimmung kippt innerhalb von Sekunden. „Das gibt‘s doch nicht“, hört man aller Orten. Mit einem mulmigen Gefühl entlässt das Spiel die Zuschauer in die Pause.
Als „beschissen“ beschreibt Martin Eisenmann die Stimmung unverblümt. Und auch Andi König gibt zu: „Man hat ein ungutes Gefühl, denn das kennt man so von der deutschen Mannschaft nicht.“ Viel zu viele Fehler seien den Spielern unterlaufen, sind sich bei Männer einig. Die Hoffnung haben sie jedoch nicht aufgegeben, dass die deutsche Mannschaft das Spiel noch dreht. „Möglich ist es immer“, sagt Martin Eisenmann und verweist auf das Champions League Finale von 2012, als Bayern München gegen den FC Chelsea kurz vor dem Spielende mit 1:0 führte, das Spiel dann aber noch verlor. Sein Fazit: Bevor der Schlusspfiff nicht ertönt, ist noch alles drin.
Auf dem Marktplatz haben sich inzwischen so viele Besucher eingefunden, dass die Sicherheitskräfte an den Eingängen niemanden mehr hinein lassen dürfen. Am Stiftshof ist es nicht ganz so überfüllt, aber auch hier sitzen die Zuschauer dicht an dicht auf dem Boden. Als der Stuttgarter Mario Gomez zur zweiten Halbzeit eingewechselt wird, klatschen viele, der Stürmer erfreut sich großer Beliebtheit. Dennoch ist wenige Minuten später ein anderer der Held: Mit seinem Treffer zum 1:1-Ausgleich hält Marco Reus in der 48. Minute die Hoffnung auf einen Sieg Deutschlands am Leben. Die Zuschauer auf dem Stiftshof jubeln. Nur um sich in den darauffolgenden Minuten ein ums andere Mal die Haare zu raufen ob der vielen vergebenen Chancen. Als Gomez allein vor dem schwedischen Torwart steht und dennoch nicht ins Tor trifft, heißt es: „Das gibt‘s doch nicht“ und „Mensch, Mario!“.
Als dann noch Jerome Boateng vom Platz gestellt wird, bekommen die Zuschauer langsam das Zittern. Jana Schweizer kaut nervös an den Fingernägeln herum. „Kommt jetzt“, sagt sie ein ums andere Mal leise vor sich hin. Als die Nachspielzeit anbricht, singen einige Fans „auf geht‘s Deutschland, schieß ein Tor“, bei Julian Brandts Schuss kurz darauf an den Pfosten schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen. Dann macht Toni Kroos in der 95. Minute das Unwahrscheinliche wahr, er verwandelt einen Freistoß zum Siegtreffer. Jetzt gibt es am Stiftshof kein Halten mehr: Pappteller, Becher und Servietten fliegen durch die Luft, „Toooooor“, brüllen reihenweise Zuschauer. Jubel, Applaus, Umarmungen – die Straßenfestbesucher sind im Glück. „Ich glaub‘, ich brauch jetzt erst einmal einen Schnaps“, sagt Jana Schweizer ganz aufgelöst. An der Hand ihrer Freundin hüpft sie ein paar Mal freudig in die Luft. „Gewonnen!“

No Comments

Sorry, the comment form is closed at this time.