„Es ist ein besonderes Gefühl, dort oben zu stehen“

„Es ist ein besonderes Gefühl, dort oben zu stehen“

Fast jeder Straßenfest-Besucher kennt ihn, doch kaum einer hat ihn je gesehen: Den Trompeter, der beim Zapfenstreich am abschließenden Straßenfest-Abend auf dem Stadtturm steht. Dieser ist für die Zuschauer eine Art Phantom, das sie nur hören, aber nie sehen. Die BKZ hat ihn getroffen und mit ihm über die Geheimnisse des Zapfenstreichs geredet.

Von Silke Latzel

BACKNANG. Ist der Turmbläser ein Mitglied des Städtischen Blasorchesters? Kommt er aus Backnang? Ist es jedes Jahr ein anderer Musiker? Und spielt er wirklich selbst oder kommen die Solo-Trompetenklänge, die das Ende des Straßenfestes verkünden, gar vom Band? Viele Fragen ranken sich um den Musiker, der schon seit Anbeginn der Straßenfest-Tradition seine Position auf dem Turm bezogen hat.
Das Wichtigste zuerst: Turmbläser Rainer Schnabel ist tatsächlich echt und aus Fleisch und Blut. Seine Leidenschaft ist die Trompete, und er hat sie schon vor vielen Jahren zu seinem Beruf gemacht. Der 52-Jährige lebt in Göppingen und arbeitet an der Fachschule Schwäbisch Gmünd als Musiklehrer, in Schorndorf als Trompetenlehrer und verdient sein Geld zudem als freischaffender Trompeter. Seit 2006 hat er, als dritter Musiker insgesamt, die Position des Zapfenstreich-Turmbläsers inne und genießt den Auftritt jedes Jahr aufs Neue. „Es ist schon ein ganz besonderes Gefühl, dort oben zu stehen und in die Nacht hinauszutreten“, erzählt er. Die ersten Schritte seien immer die schwersten, denn obwohl Schnabel von sich selbst sagt, er sei schwindelfrei, „ist es doch komisch und ich bin etwas unsicher, da ich ja meine Trompete in der Hand halte und mich nicht abstützen kann“. Er lacht: „Und dann noch diese kleinen Unsicherheiten: Hoffentlich ist es nicht zu windig, hoffentlich hält der Magnet mein Notenblatt fest, hoffentlich stolpere ich nicht . . .“
Die Tradition des Zapfenstreichs – mit dem Orchester unten auf der Bühne und dem Solisten oben auf dem Turm – gibt es so lange, wie das Straßenfest existiert. Einer, der als Mitglied des Städtischen Orchesters schon beim allerersten Mal dabei war, ist Tenorsaxofonist Walter Leibold. Er erinnert sich: „Die Idee hatte 1971 unser damaliger Dirigent Fritz Neher. Er hat dann auch bis in die Mitte der 80er-Jahre das Solo auf dem Turm selbst gespielt.“ Dass der Zapfenstreich mittlerweile am Montagabend gespielt wird, ist auf eine Reihe unglücklicher – oder aus heutiger Sicht vielleicht glücklicher – Zufälle zurückzuführen. Leibold: „Eigentlich sollte das erste Straßenfest schon am Sonntag mit unserem Zapfenstreich zu Ende gehen. Weil aber das Wetter so schlecht war, hat man es um einen Tag verlängert. Derjenige, der am Sonntag den Schlüssel für den Stadtturm hatte, war am Montag aber nicht da und wir standen vor verschlossener Tür.“ Leibold, damals 18 Jahre alt, kannte durch seine Tätigkeit bei den Pfadfindern eine junge Dame, die sich dort ebenfalls engagierte – allerdings in der Mädchengruppe. „Sie war die Tochter des Apothekers, dessen Apotheke früher in der Nähe des Turms war. Und ich wusste, dass die Familie einen Schlüssel zum Turm hat und sich dort oben auch auskennt.“ So habe er seine Kontakte spielen lassen und gemeinsam mit der Apothekerstochter den Turmbläser nach oben begleitet. „Und das mache ich heute noch.“

Lautsprecher auf dem Turm sind heute nicht mehr wegzudenken

Vergleichen lassen sich die ersten Auftritte mit den heutigen natürlich nicht mehr. Nur das eigentliche Trompetenspiel, das wirklich live ist und nicht vom Band kommt, ist gleich geblieben – alles andere hat sich geändert und vieles wurde im Laufe der Jahre verbessert. „Wir hatten etwa zu Beginn keine Notenständer mit auf dem Turm“, erinnert sich Leibold. „Ich habe das Notenblatt die ganze Zeit mit einer Hand vor den Trompeter gehalten, es war dunkel und ohne Licht, und es gab auch keine elektronische Verstärkung für die Musik. Und deshalb war natürlich die Musik dann viel zu leise und auf dem Marktplatz kaum zu hören.“ Ab 1978 wurde ein drahtloses Mikrofon mit auf den Turm genommen und während des Zapfenstreichs direkt vor die Trompete gehalten. „Völliger Quatsch“, urteilt Leibold nachträglich. „Der Trompeter hat sich selbst nicht gehört und das geht eigentlich gar nicht.“ Mitte der 80er-Jahre habe man sich dann auf Leibolds Anraten hin entschieden, vier Lautsprecherboxen auf dem Dach des Turmes zu installieren – so hören die Zuschauer, das Orchester und der Turmbläser selbst die Musik, die gespielt wird.

Der erste Auftritt war gleich eine echte Feuerprobe

Doch auch heute noch gilt es, einige Schwierigkeiten zu bewältigen. Für Christian Wolf, seit 2016 Dirigent des Städtischen Blasorchesters, ist der Zapfenstreich eine echte Herausforderung: „Es gibt kein einheitliches Tempo, das durch das komplette Stück durchgeht, und ich muss nicht nur 80 Musiker auf dem Marktplatz koordinieren, sondern auch noch einen Trompeter, den ich nicht sehe und der mich nicht sieht.“ Die Verbindung zu seinem Trompeter wird für Wolf über „Ohrstöpsel“hergestellt. Diese sind an einen Sender angeschlossen. Der Sender steht in Verbindung mit den Tönen des Trompeters. „Ich höre dann zwar meinen Trompeter auf dem Turm, aber nicht mehr das Orchester und dirigiere es quasi taub.“ Mit Rainer Schnabel hat Dirigent Wolf aber einen echten Profi an der Seite, der sein Handwerk beherrscht und auch mit den Gegebenheiten gut zurechtkommt. Deshalb reicht es aus, dass Schnabel und das Orchester sich nur einmal treffen: Die Generalprobe ist die erste und gleichzeitig auch die letzte Probe vor dem gemeinsamen Auftritt. Einmal wird der Zapfenstreich gemeinsam und im selben Raum geprobt, dann zieht Schnabel in den Vorraum des Vereinshauses um, die Tür zum Orchester wird geschlossen. „So simulieren wir die Situation auf dem Turm, da sehe ich den Dirigenten ja auch nicht“, sagt der Musiker.
Für Schnabel wie für das gesamte Städtische Blasorchester ist der Zapfenstreich ein besonderer Auftritt. Und auch die Zuschauer werden von einer „geheimnisvollen Stimmung“ erfasst, da sind sich Wolf, Schnabel und Leibold einig. „Die Musiker rappeln sich alle auf, sie sind noch einmal richtig konzentriert und bereiten sich auf diesen fast schon heiligen Moment vor“, so der Dirigent. „Die Straßenfest-Besucher kommen von überall Richtung Marktplatz gelaufen, die Gassen füllen sich und im Publikum wird es mucksmäuschenstill, man spürt die Erwartungen.“
Das war allerdings nicht immer so, wie Leibold sich erinnert: „Wir spielen zwar eine Abwandlung des militärischen Zapfenstreichs, den sogenannten romantischen Zapfenstreich, aber auch dieser endet mit dem ,Lied der Deutschen‘. In den ersten Jahren des Straßenfestes war das Publikum da sehr unruhig und es gab auch vereinzelte Buhrufe.“ Das habe sich mittlerweile allerdings gelegt. „Und besonders seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 singen die Menschen auch wieder mit.“
Etwa eine Stunde vor Beginn des Zapfenstreichs steigt Trompeter Schnabel auf den Turm, zehn Minuten vor seinem Auftritt geht er am Geländer in Position. „Seit ein paar Jahren kommt auch immer meine Frau mit nach oben. Die ist allerdings nicht schwindelfrei und wartet lieber im Hintergrund.“ Obwohl er schon einige Jahre dabei ist, spüre er auch heute noch eine leichte Nervosität, „die sich aber sehr positiv auf mich auswirkt“.
Bislang habe der Zapfenstreich noch nie ausfallen müssen, einmal wurde er ins Rathaus verlegt, weil das Geländer des Turms saniert wurde. „Seit ich dabei bin, gab es noch keine großen Ausfälle, kein Gewitter, keinen Regen. Nur einmal wurde das Mikrofon zu spät eingeschaltet, das gab dann eine kurze Verzögerung.“ Solche kleinen Pannen nimmt Profi Schnabel mit Humor. Vielleicht hat das auch mit seinem ersten Auftritt zu tun, der fast in einem Debakel endete: „Man hatte mir versichert, dass oben auf dem Turm für alles gesorgt sei, ich müsse außer meiner Trompete nichts mitbringen. Ein bisschen erstaunt war ich, als mein Begleiter dann aber nur eine einzige Taschenlampe dabei hatte. Und die ist dann auch prompt fünf Minuten vor meinem Auftritt vom Turm gefallen.“ Schnabel lacht laut und erzählt weiter: „Da standen wir nun und wussten nicht, was wir machen sollen. Zum Glück hatte ich einen Geistesblitz: Ich habe meine Ersatztrompete ausgepackt, sie meinem Begleiter gegeben und bin mit meiner anderen Trompete, an der das Mikrofon befestigt war, ins Turminnere gegangen. Dort gab es genug Licht, ich konnte meine Noten lesen. Und während ich drinnen die Musik gespielt habe und diese auf den Marktplatz übertragen wurde, stand draußen mein Begleiter und hat so getan, als sei er der Turmbläser, der die Musik macht.“ Noch heute belustigt ihn diese Anekdote. „Mein erster Auftritt war eine echte Feuertaufe.“
Schnabel hofft, dass er noch viele Jahre den Zapfenstreich spielen darf. „Das ist eine einmalige Sache, die ich sonst so noch nie erlebt habe.“ Nur einmal habe er den Zapfenstreich „exportiert“: „Ein Veranstalter war so beeindruckt von der Idee, dass er sie auch gerne bei sich gehabt hätte.“ So kam es, dass die Backnanger Tradition ein einziges Mal den Landkreis verlassen hat und weiter westwärts aufgeführt wurde: vom königlichen Balkon herunter und in den Innenhof des Residenzschlosses in Ludwigsburg.

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